Zweifeln kannst du später?

Ganz ehrlich? Ich finde die Überschrift beschissen.

Fragst du dich gerade, warum ich sie dann geschrieben habe?

Zurecht, zurecht. Gleich wirst du es verstehen:

Die ins Leben gerufene Blogparade von Gwynnefer Sylvia Kinne von http://die.kraftvolle-weiblichkeit.de/ inspirierte mich zu diesem Artikel. Das Thema lautet: „Zweifeln kannst du später.“

Ich hatte gleich Bock drauf und begann sofort, mir Stichpunkte und Notizen zum Thema aufzuschreiben. Doch nichts davon passte so recht zur Überschrift. Warum soll ich erst später zweifeln? Und warum soll ich diesen Appell überhaupt äußern, wenn ich doch gar nicht dahinter stehe? Zweifel kann doch schließlich auch mal gut sein!

Wir Menschlein tendieren ohnehin dazu, negative Eigenschaften zu verdrängen und weghaben zu wollen. Sie passen uns nicht, sind unangenehm. Sie werden von der Gesellschaft als schlecht angesehen, oder uns wurde diese Einstellung bereits im Elternhaus hinerzogen. Dagegen sträube ich mich und schrieb deshalb nicht weiter. Beinahe hätte ich es vergessen. Doch plötzlich stolperte ich über Selbstzweifel:

Ich sitze gerade im „Klassenzimmer“, neben mir vier Kolleginnen. Wir alle befinden uns im Endspurt zur Stress- und Burnoutpräventionsberaterin. Heute ist Kommunikationstraining. Ein Modul, mit dem ich noch auf Kriegsfuß stehe. Ich selbst finde meine Kommunikationstechnik zum Kotzen. Oft würde ich mich gerne anders äußern oder reagieren, als ich es tatsächlich tu. Wir üben gegenseitig ein Beratungsgespräch. Ich darf zuerst die Klientin „spielen“. Ich bin eine harte Nuss, doch meine Kollegin lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Souverän meistert sie die Situation und führt mich durchs Gespräch. Sie holt mich immer wieder ab, hört aktiv zu, bringt das Wesentliche auf den Punkt. Umso besser sie reagiert, desto mehr Zweifel steigen in mir auf: „Ich bin nicht gut genug für diese Tätigkeit.“, „So professionell hätte ich nie reagiert.“, „Scheiße, an Ihrer Stelle wüsste ich nicht mehr weiter.“, „So eine Kundin würde mich zur Weißglut bringen. Ich wäre schon längst in die Therapeutenrolle geschliddert, anstatt zu coachen.“, „Das wäre mir nie im Leben eingefallen.“, „Ich kann niemals so selbstsicher auftreten.“…

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Ob Zweifel berechtigt sind oder nicht ist ihnen völlig egal. Ich erinnere mich sofort an diese Blogparade, und dass ich doch dieses blöde Gefühl des Zweifels nicht abschmettern, sondern mir anschauen und annehmen möchte.

In diesem Moment fasse ich den Entschluss: Ich schreibe diesen verdammten Artikel einfach so, wie ich die Dinge sehe. Egal, ob ich mich mit der Überschrift identifizieren kann oder nicht. Sie verlangt ja nicht, dass ich mit der Aussage übereinstimme.

So kommt es, dass ich im Hotelzimmer sitze, meinen Laptop und diese Datei öffne und drauflos tippe. Ich stelle mir selbst eine wichtige, erste Frage:

 

Was sind Zweifel?

Allem voran schützen dich Zweifel davor etwas zu tun, dich zu etwas hinreißen zu lassen, das du selbst gar nicht willst, zu dem du nicht stehst, oder das du danach vielleicht bereust.

Doch Zweifel können sich nach und nach wie ein Virus ausbreiten und dich handlungsunfähig machen.

Du zweifelst, wenn:

  • du dich nicht entscheiden kannst
  • du dir unsicher bist
  • du vermutest, etwas stimmt nicht
  • du etwas in Frage stellst
  • du jemandem nicht glaubst
  • du jemandem nicht traust
  • du dir selbst und deinen Fähigkeiten nicht traust, oder sie in Frage stellst

 

Letzteres ist die schlimmste Art des Zweifels, da er dich in doppelter Hinsicht trifft. Hier stellst du nicht jemanden oder etwas Anderes in Frage und beurteilst dies, sondern du bist regelrecht gezwungen, dich selbst zu beurteilen.

Und was lernst du meist schon in frühester Kindheit?

Alle anderen, vor allem deine Eltern und Erzieher(innen), wissen besser, was gut für dich ist, als du selbst. Das bedeutet allerdings nicht automatisch, dass das auch so stimmt! Du übernimmst nur deren Einstellung.

 

Ein typisches Beispiel:

Ein kleiner Junge tut sich weh. Er rutscht aus, stürzt, fällt hin – und weint.

Wie glaubst du, reagieren die meisten Eltern?

Typische Sprüche fallen: „Ein Indianer kennt keinen Schmerz.“, oder bei älteren Buben: „Bist du ein Mann oder ein Waschlappen?“ Auch häufig zu beobachten: „Nicht weinen.“, oder: „Ist doch nicht so schlimm.“

Wenn es für das Kind nicht schlimm wäre, dann würde es auch nicht weinen! (Auch, wenn es „nur“ die Aufmerksamkeit der Eltern möchte.)

Genauso wenig ist dem kleinen Zwerg geholfen, wenn er übermäßig oft bemitleidet wird: „Och, du armer, armer, kleiner Bube.“, und daraus noch tagelang ein Drama gemacht wird.

In beiden Fällen nimmt das Kind etwas anderes wahr, als ihm von dem Erwachsenen (der es ja richtig wissen muss) vermittelt wird. Das Kind wird glauben, es kann seinen Emotionen nicht vertrauen. Es muss sich anpassen. Somit drängt es seine tatsächlichen Empfindungen in den Schatten und zweifelt an seinem Verhalten.

Sowohl bei diesem Beispiel, als auch „im Klassenzimmer“ frage ich mich:

 

Was macht so ein Zweifel mit dir?

Die 6 Stationen:

  1. Du fühlst dich innerlich zerrissen
  2. Der Zweifel nagt an deinem Selbstbewusstsein
  3. Unsicherheit breitet sich in immer mehr Lebenslagen aus
  4. Dadurch entsteht Frustration
  5. Bist du ihr länger ausgesetzt, katapultiert sie dich in die Verzweiflung
  6. Ignorierst du auch dieses und änderst nichts an deiner Strategie, kann sie schlussendlich sogar zur Depression mutieren. (Und ja, auch Kinder können darunter leiden! Laut Auskunft von „Deutsches Bündnis gegen Depression e.V. sind etwa ein bis zwei Prozent der Kinder im Vor- und Grundschulalter betroffen, Jugendliche sogar bis zu zehn Prozent.)

 

Zweifel entstehen also meist dann, wenn unsere Wahrnehmung, unser Gefühl, nicht mit dem Bild von außen übereinstimmt.

  • Hinterfrage: Was ist es genau? Was scheint nicht zu stimmen? Wo scheiden sich die Geister?
  • Und dann frage weiter: Warum zweifle ich ausgerechnet bei diesem Thema?

 

Keine Sorge, sollte dir nicht gleich das „Große und Ganze“ bewusst werden: Unser Gehirn ist darauf programmiert, auf die feinen Kleinigkeiten zu achten. Jedes dir noch so unwichtige Detail könnte dein Schlüssel/deine Antwort sein. Denn:

 

Zweifel sind wie Viren:

  • Du fängst sie dir unbemerkt ein
  • Sie verteilen sich rasant
  • Noch schneller vermehren sie sich und infiltrieren all deine Gedanken
  • Wenn du glaubst, du hast alle beseitigt, kann noch immer einer im Verborgenen weiter sein Unwesen treiben

 

Neutralisieren kannst du sie nur:

  • Wenn du ein Antivirenprogramm aufspielst (Handling anderer Menschen/Vorbilder beobachten und bewusst – wenn gewollt – integrieren)
  • Indem du sie lokalisierst (hinterfragen, den Kern erhaschen) und
  • umprogrammierst (neue, gegensätzliche Erfahrung machen)

 

Wenn du davon überzeugt bist: „Ich habe keinen Zweifel.“:

Dann behaupte ich, hast du dir einfach keine Gedanken darum gemacht. Sie dir (noch) nicht bewusst gemacht, oder mehr oder weniger erfolgreich ignoriert.

 

Denkst du, dass du damit gut fährst? Für den Rest deines Lebens? Wirklich?

Ok, dann mache einfach so weiter.

 

Wählst du hingegen den Weg der Bewusstwerdung, des bewussten Sein, dann kannst du dich aus dieser „instabilen Pseudo-Seligkeit der Ignoranz“ (den Begriff habe ich bei wikiHow gefunden) befreien!

 

Zweifel können dir helfen, deinen Weg zu finden! Deshalb sage ich nicht: „Zweifeln kannst du später“, sondern:

„Immer her mit den Zweifeln!“

  1. Zweifel sind wertvoll – sie zeigen dir DEINE Richtung oder auch (fehlerhafte) Überzeugung
  2. Finde DEINEN Weg, um mit ihnen umzugehen
  3. Merke: Lässt du deine Zweifel zu, und schaffst du es, sie zu überwinden, dann machen sie dich stärker!

„Zweifel sind der Beginn von Weisheit.“ 

– Aristoteles

 

Wie gehst du mit deinen Zweifeln um?

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