Chaplin´s Tragikomödie

Warum Chaplin?:

Meine Ausbildung zur Stress- und Burnoutpräventionsberaterin geht in den Endspurt. Von Freitag bis Sonntag nehme ich mir deshalb wiederholt ein Zimmer in der Pilsbar Chaplin in Kempten.

chaplin

Wenn ich schon Stressmanagement lerne, dann vermeide ich es tunlichst, täglich über 70 km zu pendeln, und somit mindestens 1,5 – 2 Stunden auf der Strecke zu lassen. Die Entfernung ist nicht überragend weit, doch von der Unterkunft aus muss ich, als  „bequeme“ Socke, nur 450 Meter zur Schule laufen. Das spart mir vieeeel Zeit. Außerdem müsste ich sonst nachts für meinen 2-jährigen Sohn parat stehen, der hingegen mit dieser Lösung auch Ferien von mir machen darf. Er übernachtet einen Tag bei Oma, und geschlagene zwei Tage lang führt er mit Papa einen Männerhaushalt. Ich bin gespannt, was mich alles erwartet, wenn ich Sonntag Nacht zuhause auflaufe…

Einchecken ist nicht:

Ich bin eine Frau, eine Ausnahme typischer Frauen. Jedenfalls reise ich NICHT mit 10 Handtaschen, Schminkköfferchen, 20 Paar Schuhen, 3 Koffern und einem Blazer auf dem Bügel an. Mir reicht eine halb gefüllte Sporttasche und mein Laptop (damit kann ich abends an meinem Buch weiter schreiben: „Burnout im Baby-Glück?“ oder wie jetzt gerade an einem Blogbeitrag). Trotzdem will ich meine Sachen gleich morgens um 9 Uhr in die Unterkunft bringen. Mein Auto parke ich die Reisezeit über geschützt in der Tiefgarage der Schule, und muss so nicht alles „ins Hotel“ schleppen. Letztes Mal stieß ich auf verschlossene Türen, denn die Bar öffnet erst gegen 17 Uhr. Und ja, ich muss in der Bar / im Restaurant einchecken. Das Gästehaus ist nicht abgegrenzt und befindet sich direkt darüber. Jedenfalls gab ich nicht so schnell auf und fand über eine Hintertüre einen überaus freundlichen Koch vor, der mir die Sachen entgegen nahm, und sie bei sich im Lager bunkerte. Zielstrebig laufe ich also diesmal gleich zur Hintertür. Ich öffne sie, gehe in die Küche, doch es ist niemand da. Ich lege mein Gepäck an die übliche Stelle (die kennen meine Taschen schon und fühlen sich dann vielleicht nicht verängstigt oder alleingelassen), schreibe einen Zettel:

„Liebes Team,

hier wieder meine Sachen.

Bis heute Abend,

Susanne“

Lege diese Notiz darauf, und mache mich wieder vom Acker.

Meine Unterkunft:

Abends nach dem Einchecken begutachte und beschnuppere ich mein Zimmer Nummer 3.  Letztes Mal war ich in 1, welches recht groß war mit zwei Betten darin. Heute bin ich in einem schnuggligen Einzelzimmer. Das stand letztes Mal offen und ich dachte mir damals schon: „Nächstes Mal schlafe ich dort.“ Immerhin, es ist ungemeine vier Schritte näher an Bad und Toilette, die sich zur Gemeinschaftsnutzung auf dem Flur befinden. Diesen Kompromiss bin ich gerne bereit einzugehen, ich zahle dafür auch nur 28 Euro die Nacht. Ich freue mich tierisch, dass ich diesmal einen ordentlichen Kleiderschrank habe, in dem ich sorgfältig meine zwei Shirts und zwei Hosen ausbreite. Da Bilder bekanntlich mehr als 1000 Worte sagen:

2016-07-15 18.14.35

2016-07-15 18.14.55

Das Essen:

Im Restaurant verputze ich eine gigantische Grillplatte Balkan-Art. Heute Mittag fiel das Essen eher dürftig aus. Meine Kolleginnen schleppten mich zum Street-Food-Festival mit und ich aß ein verlockend klingendes indisches Gericht: Ananas-Curry mit Kümmelreis. Für 5 Euro bekam ich nichtmal eine Handvoll. Zum Glück sagte ich noch dem Verkäufer, dass ich bitte viel Soße haben möchte. Schließlich bin ich ein Schwabe. Und da zählt nicht nur: Spätzle müssen in Soße schwimmen! Nein, Reis darf das auch 😉 Klar, wurde ich von der Witz-Schale nicht satt. Das schlug verständlicher Weise auf meine Stimmung. Hungrig zu lernen – geht gar nicht! Hier gibt es wenigstens ordentliche Portionen für einen „gestandenen Hunger“. Das Essen ist nicht nur mehr als ausreichend, sondern obendrein noch saulecker. Dem Ruf zur Folge füllte sich das Lokal recht zügig. Ich bezahle, mache schnell Platz, verziehe mich nach oben aufs Zimmer, starte den Laptop und schreibe an meinem Artikel weiter: „Zweifeln kannst du später“. (coming soon)

Die Nachteile eines Etagenbads:

Meine Blase drückt. Ich will aufs Klo, aber das Licht funktioniert nicht. Da die Toilette kein Fenster hat, ist es stockduster drin. Zum Glück gibt es ja noch das Badezimmer. Ich muss kurz warten, bis es frei wird. Solche Unannehmlichkeiten können schon vorkommen bei Etagennassräumen. Das Fenster steht wagenweit offen, es stinkt bestialisch und es ist arschkalt. Auch recht, so geht es gleich noch schneller. Und ich brauche ohnehin schon nicht wirklich lang!

Ich komme gut und schnell voran mit dem Schreiben, der dezente Lärm von der Bar unten stört mich dabei herzlich wenig. Wenn ich über einem Text sitze, befinde ich mich in einem Art Tunnel. Es gibt nur das Manuskript und mich. Ich höre aktiv um mich herum nichts mehr. Nebengeräusche blende ich, wie in einer Meditation, aus. Kennst du das Phänomen von Menschen, die an einer Bahnlinie wohnen und mit der Zeit den vorbeizischenden Zug nicht mehr wahrnehmen? So in etwa kannst du dir das vorstellen. Verständlicherweise vergesse ich dadurch die Zeit. Als ich auf die Uhr sehe ist es bereits 0:57 Uhr. Mein Fenster hat kein Rollo, und keinen Vorhang zum Zuziehen. Wird schon gehen. Ich ziehe mir mein Nachthemd an und husche mit meiner Zahnbürste über den Gang. Brrr. Ich hoffe, heute Nacht macht niemand mehr das Fenster auf. Es ist eisig kalt. Ich würde am liebsten den Fön anschalten und mich während dem Zähneputzen warm anpusten lassen. Als ich wieder herauskomme, sitzt jemand auf dem Klo nebenan. Die Türe halb geöffnet, auch das ist eine Möglichkeit und geht zur Not mal. Mit Betonung auf „zur Not“! Auch wenn ich keine Schicki-micki-Tussi bin, und eine geringe Hemmschwelle vorweisen kann: Das muss nicht sein, solange mein Leidensdruck einer vollen Blase noch nicht bis aufs äußerste ausgereizt ist.

Was mich so alles vom Schlaf abhalten kann:

Zurück in meinem Zimmer bemerke ich erst jetzt, wie kühl es auch hier drin ist. Die zurechtgelegte, zusätzliche Wolldecke rühre ich dennoch nicht an. Hallo? Ich bin doch keine Memme! Schnell noch den Wecker gestellt, lege ich mich ins Bett. Licht aus, unter die Decke kuscheln, wird schon noch warm werden…

Hm. Ich kann es nicht lassen. Ich bin neugierig und öffne erneut meine Augen. Naja, es ist schon recht hell. Es scheint zwar keine Straßenlaterne direkt herein, aber ich bin daran gewöhnt, in annähernd völliger Dunkelheit zu schlafen. Zudem ist es ganz schön laut hier. Das habe ich bisher gar nicht mitbekommen. Ich drehe mich also zur Wand und schließe wieder die Augen. Doch bereits nach ein paar Sekunden singe ich in Gedanken mit dem nächsten Lied mit: „An Tagen wie diesen….“ Meine Füße fangen an, unter der Bettdecke zu tanzen. Die erste Strophe des Refrains singe ich mit Stimme mit und nicke mit dem Kopf im Takt dazu. Wenn es nicht schon so spät wäre, würde ich meine Klamotten anziehen, sofort die Treppen hinunter eilen – und mit Party machen! Ich hole tief Luft, versuche mich zu fokussieren, werde ruhig und schließe wieder meine Augen. Noch einmal erklingt der letzte Refrain: „An Tagen wie diesen…“ alles gut. Ich bin weiter fokussiert. Bis zur Songstelle und gleichzeitig dem Ende des Liedes: „…Kein Ende in Sicht.“ Ich denke mir: „Naaaa toll! Das kann ja heiter werden, wenn da unten kein Ende in Sicht ist.“ Und lache leise vor mich hin. Auch das nächste Lied animiert geradezu zum Mitgröhlen. Ich drehe mich auf den Rücken. Hole erneut tief Luft und fokussiere mich wieder. Das klappt mehr oder weniger gut. Doch gerade als ich mich an der Schwelle zum Einschlafen befinde, fährt ein Krankenwagen vor. Klar, dass er direkt vor der Türe bzw. unter meinem Fenster anhält. Ich schnaufe tief durch. Bin ich neugierig? Ich wollte vorhin eh nachsehen, ob die laute Musik vom Haus selbst, oder von der Musikbar gegenüber kommt. Ich beherrsche mich. Der Sanka fährt wieder weiter. Weitere 10 Minuten später bin ich noch immer neugierig. Ich kann nicht schlafen, wenn ich etwas nicht weiß, was mich interessiert. Ich seufze und sage laut vor mich hin: „Na gut, dann schau ich halt mal nach.“ Du kannst dir denken, dass ich überhaupt nichts sehe, und nicht schlauer als zuvor mich wieder unter meine Bettdecke kuschele. Es ist mittlerweile 1:32 Uhr. Und ich dachte, hier hole ich mein Schlafbedarf nach. Wenigstens kann ich, wenns pressiert, bis spätestens 9:15Uhr schlafen.

Nachdem ich das für mich innerlich geklärt hatte, schlief ich trotz einem nochmaligen Blaulichteinsatzes zügig danach ein.

Der Morgen, oder: The day after:

Als ich aufwache, ist es hell. Sehr hell. Ich erschrecke und starre gleich auf die Uhr. Irgendwas nach 6. Boa, wie ätzend. Ich drehe mich wieder zur Wand, schließe meine Augen und schlafe weiter. Kurze Zeit später wache ich wieder auf. Da mein Wecker noch nicht geklingelt hat, ist es auch noch nicht Zeit zum Aufstehen. Ich drehe mich auf den Bauch, und schlafe weiter. Als ich erneut aufwache, bleibe ich einfach putzmunter im Bett liegen. Wobei putzmunter echt stark übertrieben ist. Mir gelingt es nur nicht, wieder einzuschlafen. Gleich schwirrt der Gedanke in mir: Ich will die Zeit nutzen und Schreiben oder eine Yoga-Übung machen. Die paar Minuten bis der Wecker klingelt…

Überraschung!:

Also stehe ich auf. Die Sonne scheint direkt zum Fenster rein. Es ist kurz nach 7 Uhr. Wahhh, so früh gleich. Da ich letztes Mal  hier auch schon den Fehler machte und mir bis zum Schluss mit dem Duschen Zeit ließ, welche dann freilich zwischenzeitlich besetzt war, entschließe ich, heute gleich ins Bad zu gehen und mich erst ausgehfertig zu richten. Ich schnappe also Handtuch, meine Anziehsachen, Kulturbeutel und marschiere los. Schon von weitem erkenne ich das offene Fenster. Ich gehe ins Bad, schließe die Tür, will meine Sachen auf das Beistellkästchen stellen und schaffe gerade noch rechtzeitig einen Rückzieher. Denn da liegt ein benutztes Kondom! Nach einem ersten inneren „Iiiiiiiihhh“ muss ich kichern und stelle mein Täschchen mehr auf die linke Seite und achte darauf, dass es dieses Ding nicht berührt.

Nach dem Duschen creme ich mich meistens ein und brachte dazu diesmal eine handliche Dose „alla Nivea“ mit. Nicht die Marke, aber damit du dir ein Bild machen kannst. Ich nehme sie aus der Tasche, kann meinen Blick nicht vom Kondom lassen, mir gleitet die Dose aus der Hand und fällt geradewegs mit der Naht auf den Boden. Du kannst dir vorstellen, dass sie sofort aufgeplatzt ist und eine große milchig-weißliche Spritzspur auf dem Boden hinterlässt. Dieses Bild… ich werde es vermutlich nie wieder aus meinem Kopf bekommen *lach*. Ich habe große Lust, das so liegen zu lassen. Es soll ruhig noch andere Menschen erheitern. Doch das bringe ich nicht übers Herz und wische den Boden wieder sauber. Ich ziehe mich an, fahre mir noch kurz einmal durch meine Haare, damit auch die letzte Strähne richtig sitzt, da kommt mir plötzlich eine Idee: Darüber schreibe ich in meinem Blog. Total „angefix“ 🙂 von der Idee, flitze ich im Sausseschritt zurück ins Zimmer, nehme mein Handy zur Hand, eile retour ins Bad und ohne Scherz: Ich fotografiere als Beweis dieses Kondom:

2016-07-16 08.23.12

Welch´ Ironie, dass dahinter gleich die Sagrotan-Sprühflasche steht – hihi.

Ich werfe einen letzten Blick auf das Kondom und verlasse das Zimmer mit dem erheiternden Gedanken: „Naja, kann bei einem Etagenbad schonmal vorkommen.“ 😀

Amüsiert schlendere ich aufs Zimmer, schalte meinen Laptop an und genieße die herrliche Morgensonne, in der ich euch jetzt schreiben darf:

2016-07-16 08.25.47

 

Wenn der Chaplin-Besuch nicht so tragisch wäre, würde ich drüber lachen…

Du ahnst es:

Ich lache! 🙂

 

PS: Ich kann diese Unterkunft wirklich empfehlen. Aber du weißt nun:

Bei einem Etagenbad kann sowas schonmal vorkommen…

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