Ein Unfall, der meinem Leben eine neue Richtung gab. TEIL 2

Direkt nach dem Unfall, welcher in Teil 1 beschrieben ist:

Ich sitze blutverschmiert am Rand eines Feldes. Es ist stockduster. Nur das Blaulicht unseres verunfallten Einsatzfahrzeuges erhellt pulsartig die Nacht. Ich kann nicht genau sagen, ob mein eigener Puls in die Höhe geschnellt ist, oder ob mein Herz nur noch die nötigsten Kontraktionen bewältigt. Mein Blick ist nur auf die Leere gerichtet. Ein seltener und auch erster Moment in meinem Leben, in dem ich augenscheinlich völlig frei bin. Frei von Gefühlen, frei von Beschäftigungen und vor allem frei von Gedanken.

Nach dieser Beschreibung könnte man sagen, das ist der Zustand während einer Meditation. Du könntest dazu aber auch „Schockzustand“ sagen. Beides trifft es irgendwie, so kurios es sich anhört.

Zufällig hat ein befreundetes Paar von mir angehalten, beide Rettungssanitäter. Sie erklären mir: „Wir müssen auf den Krankenwagen warten. Privat unterwegs dürfen wir nicht mal ein Schmerzmedikament wie Ibuprofen ect. geben.“ Ich verstehe nicht, warum alle so einen Aufriss um die Situation machen. Es ist doch alles gut. Nix passiert!

Die typischen Floskeln, die ich von meiner Mutter immer hörte, sobald etwas brenzlig wurde oder ich mir weh getan habe. Dass sich das so in mir verinnerlicht hat, war mir bis dato überhaupt nicht bewusst. Es hilft mir oft über gewisse anstrengende Augenblicke hinweg und gibt Mut, fordert mich auf, mich nicht hängen zu lassen. Doch manchmal ist es einfach nur ganz schön bescheuert. „Lache, und wenn du verreckst“. Aktuell habe ich dazu nur 3 Wörter: Warum sollte ich?

Warum sollte auch ein Junge nicht mal weinen dürfen? Warum sollte ich nicht zeigen, dass mich dieses Ereignis aber sowas von aus der Bahn geworfen hat? Ich bin Feuerwehrfrau geworden, weil ich anderen Menschen helfen möchte. Ein jedem ist die Gefahr klar, welche ständig dahinter steht. Doch so nah am eigenen Leib das zu erfahren, dass ich wirklich-wirklich mein Leben für andere riskiere, so volle Kanne!? Mit dem Pokern verglichen: Ich bringe nicht nur einen gewissen Einsatz, ich gehe sozusagen „All in“. Jedes Mal. Und jeder weiß das, unbewusst. Aber selbst hat man das Gefühl, unverwundbar zu sein. Das Adrenalin tut sein übriges…

Die Fahrt mit dem KTW ins Krankenhaus:

Schon fährt Notarzt und Krankentransportwagen (KTW) vor. Alle „richtigen Krankenwägen“ im Umkreis sind alle bei diesem gemeldeten Firmenbrand. Ich darf mich in den KTW setzen und verabschiede mich von meinen Freunden. Von Passanten, dem netten Helfer und meinen Kameraden bekomme ich nichts mehr mit. Ich befinde mich wie in einem Art Tunnel und „lebe“, wie nie zuvor, aber sowas von, in diesem schon oft gehörten „Hier und Jetzt“. Ganz ehrlich? So stelle ich mir vor, wenn man auf Drogen ist. Die Türe wird geschlossen und während sich der Notarzt meine beiden Hände anschaut, werde ich ein paar Dinge gefragt. Typische Fragen zum Unfallhergang: ob ich Medikamente einnehme, schwerwiegende Erkrankungen habe und auch Ablenkungsmanöver wie: „Was macht so ein junges und hübsches Mädle bei der Feuerwehr?“ Ich muss lachen. Jung und hübsch. Naja, ironisch sind die ja überhaupt nicht… Doch durch das Lachen verspüre ich einen heftigen Schmerz, der sich durch meine komplette linke Seite zieht. Jetzt bloß keine Miene verziehen und mir das anmerken lassen vor den taffen Jungs. Der Arzt erklärt: „Achtung, es wird gleich brennen. Ich sprühe Desinfektionsmittel auf deine Hände. Mehr kann ich leider nicht machen. Die Splitter müssen die im Krankenhaus raus machen. Wenn ich da mit irgendwas drüber gehe, kann ich das sonst schlimmer machen. Ok?“ Ich denke: Splitter in meinen Händen? Hä? In diesem Moment sehe ich, wie ganz viele kleine Glasscherben meine Hände zerschnitten haben und überall feststecken. Und schon fühle ich dieses Pieksen, sobald ich auch nur einen Milimeter meine Finger bewege.

Es heißt „Einen Moment ja, ich komme gleich!“:

Im Krankenhaus übergeben sie mich an die diensthabende Ärztin. Besser gesagt, soll ich mich in den Wartebereich setzen und die Unterlagen werden an die Doktorin weiter gereicht. Sie sagen: „Tschüs dann und alles Gute“. Die Ärztin winkt mir zu: „Einen Moment ja, ich komme gleich.“ Alles klar. So schwerverletzt bin ich ja nicht, dass gleich ein ganzes Team angestürmt kommen muss. Aber meine Stiefel und Jacke werden gerade ganz schön schwer. Nach 30 Minuten geht eine Türe auf und die Ärztin kommt heraus. Sie läuft den Gang entlang, in ein anderes Zimmer. Ich höre Gelächter. Nach weiteren 10 Minuten kommt sie mit einer Kaffeetasse wieder aus dem Zimmer, läuft über den Gang zurück und verschwindet wieder. Hm. Keine Menschenseele weit und breit. Ich ziehe meine Jacke aus und merke, dass das links irgendwie gar nicht so gut geht und ich nicht in der Lage bin, meinen Arm anzuheben. Der Eingang geht auf und Sanitäter betten eine alte Frau in ein herumstehendes Krankenbett um. Sie hat eine gelbe Gesichtsfarbe und verdrehte Augen. Die Ärztin erscheint wieder auf dem Parkett, nimmt den ausgefüllten Bericht, legt ihn auf den Bauch der Dame und fährt mit ihr und den Worten: „Danke auch“ weg.

Zu dem Zeitunkt wünschte ich mir diesen Tunnelblick und die Leere zurück. Mein Plappergei, wie ich ihn mittlerweile liebevoll nenne, begann mit Vorurteilen und Opfergedanken nur so um sich zu werfen.

Mittlerweile bin ich schon fast 2 Stunden auf dem Gang. Ich laufe mal auf und ab, mal setze ich mich wieder. Ein älteres Ehepaar ist auch vorbei kommen mit dem Kommentar: „Aha, ja da schau an, eine Frau von der Feuerwehr.“ Und die Ärztin hat sich nochmal in aller Seelenruhe eine weitere Tasse, vermutlich Kaffee oder Tee, geholt. Endlich kommt eine Krankenschwester vorbei gelaufen. Ich halte sie auf, und frage nach: „Ich weiß, da ist ein Notfall gekommen, aber ich sitze jetzt schon 2 Stunden hier und habe schon sehr lange keinen Schluck (Wasser natürlich) mehr getrunken. So langsam gehen mir die Kräfte aus. Ich würde gerne wissen, ob ich in absehbarer Zeit dran komme und ob ich hier irgendwo telefonieren kann.“ Sie gibt mir freundlicherweise ihr mitgeführtes Mobiltelefon und entschuldigt sich für die lange Wartezeit. Sie will die Ärztin gleich bitten, zwischenzeitlich mal raus zu kommen. Mein Partner hat einen regelrecht bombensicheren Schlaf und muss früh raus. Also rufe ich derweil meinen Vater an, welcher selbst früher Feuerwehrmann war und mich bestimmt versteht. „Papa, kannst du mich bitte im Krankenhaus abholen kommen? Es ist nichts schlimmes passiert. Wir hatten auf einer Einsatzfahrt einen Unfall und ich bin routinemäßig jetzt einfach hier zum Durchchecken lassen.“

Die Untersuchung beginnt:

Schon steht die Ärztin vor mir und nimmt mich mit, in ein Untersuchungszimmer. Ihr Blick fällt sofort auf meine Hände: „Aber Sie sind ja ganz blutverschmiert.“ Ich kläre sie auf: „Ja, da sind wohl noch einige Splitter drin.“ Ihr Ton wird etwas ruppiger: „Also so geht das nicht. Da gehen Sie jetzt erstmal auf die Toilette, Ihre Hände waschen. So kann man da ja gar nichts sehen.“ „Wo gibt es hier Klo´s?“ frage ich nach. Die Doktorin verdreht ihre Augen, öffnet die Tür zum Gang und zeigt nach rechts: „Da vorne irgendwo, eigentlich nicht zu übersehen.“ Ich marschiere los und öffne mit meinen Ellenbogen die Waschraumtüre. Dann lass ich einen kleinen Rinnsal über meine Hände laufen, was höllisch brennt, und versuche mit meinem kleinen Finger vorsichtig ein paar Splitter zu entfernen. Hände waschen… Die stellt sich das ja echt einfach vor. Ich bin sicher 10 Minuten verschwunden, doch nach mir schaut keiner. Als ich rauskomme, ist die Türe zum Behandlungszimmer wieder verschlossen und ich setze mich auf meinen bewährten Platz.

Schon erstaunlich, wie ich gelernt habe, einfach blind Folge zu leisten. Das fiel mir aber auch erst hinterher auf.

Nach 20 Minuten ist mein Vater nun da und ich werde endlich wieder aufgerufen. Die wichtigste Frage wurde als erstes gestellt: „Haben Sie Ihre Versichertenkarte dabei?“ Meine kompetente Antwort lautete: „Nein, ich bin im Einsatz verunfallt, was dann ja wohl eine BG-Angelegenheit ist.“ Sie schaut mich seitlich über ihre Brille lugend an: „Was meinen Sie mit BG?“ Ist das ein Test oder will sie mich verarschen? „Na, Berufsgenossenschaft“ erkläre ich. „Ach so, jaja. Hm… Welche ist denn Ihre BG?“ Hat die was eingenommen? Das muss doch auf dem bereits ausgefüllten Bericht stehen. Die ganzen Fragen sind wir doch im KTW schon alle durchgegangen, um den Bogen auszufüllen. Zudem sollte das doch jeder wissen, der so ein Job ausübt. Geduldig erkläre ich aber gerne alles noch einmal. Sie bittet mich aufzustehen und fragt, ob etwas weh tut. „Meine ganze linke Seite irgendwie. Hier im Bauchraum sticht es. Und vielleicht können Sie das verklebte Haar abschneiden, welches in meiner Wunde an der Stirn mittlerweile angeklebt ist? Das ziept auch.“ Meine Platzwunde hat in der ganzen Zeit nämlich von alleine aufgehört zu bluten, doch die Krustenbildung hat meine Haare verklebt. Die Dame reisst mit einem Ruck daran und schon läuft mir wieder Blut über das Gesicht. Also das hätte ich auch selber können. Reflexartig rufe ich: „Ah, jetzt blutet es wieder.“ Wieder verdreht sie ihre Augen: „Oh mei, dann mach mer halt a Pflasterle drauf. Was ist mit Ihrem linken Arm? Warum heben Sie den nicht an?“ „Weils weh tut und ich nicht weiter als so komme?“ frage ich nichtskappierend zurück. „Dann ab zum Röntgen.“

Nun heißt es warten, bis jemand kommt. Ich wurde weder von der Assistentin, noch von der Ärztin gefragt, ob ich schwanger bin. Gut, ich bin es zwar nicht, und habe nur so einen Ranzen (bin nicht gerade dürr), aber bei einer Frau kann das doch jederzeit der Fall sein… Nachdem ich wieder etliche Zeit im Flur verbringe, darf ich ins Besprechungszimmer. Ich frage nochmal nach den Schmerzen im Bauch. „Bitte mal das Hemd hoch halten, damit ich die Stelle einsehen kann.“ Befehl ausgeführt. „Da ist nichts, ist nicht blau. Sie können sich wieder ankleiden. Auf dem Röntgenbild ist kein Bruch zu sehen. Ich gebe Ihnen 2 Schmerztabletten mit nach Hause. Sie sind hier fertig.“ Fassungslos starre ich meinen Vater an. Was ist mit inneren Verletzungen? Dem Karabinerhaken vom Haltegurt um den Bauch? Milzriss ect.? Kann mich hier mal jemand ordentlich untersuchen? Doch noch vor ich auch nur ein Wort heraus bekomme, ist die Frau wieder weg.

Noch immer im Krankenhaus:

Ich bleibe noch einen Moment sitzen und verlasse dann kopfschüttelnd den Raum. Auf dem Gang sehe ich unseren Fahrer auf einer Liege. Er zittert am ganzen Leib, sodass es ihn schüttelt. Die Ärztin winkt ab mit den Worten: „Jaja, einfach immer schön weiteratmen. Ich komme dann zu Ihnen.“ Ich stürme zu ihm, erkenne sofort, dass er hyperventiliert und berühre ihn mit meiner Hand an seiner linken Schulter: „Hey, ich bin´s. Susi. Komm wir atmen gemeinsam, mach schön mit! Einatmen… und ausatmen… und einatmen… und ausatmen…“ Solange, bis er etwas regelmäßiger schnauft. Jetzt hat er bemerkt, dass ich es bin, und stammelt: „Susi, es tut mir so leid. Susi, lebst du noch? Susi, bist du da?“ Und ich beruhige ihn: „Alles ok. Mir geht es gut. Schau, ich bin schon untersucht und fertig hier. Ich darf sogar wieder nach Hause gehen. Es ist jetzt wichtig, dass du immer schön weiter langsam ein- und ausatmest. Versprichst du mir das?“ „Ok. Ja ich verspreche es. Hauptsache, dir geht es gut.“ „Deine Mutter ist eben gekommen. Sie wird mich jetzt ablösen und ich gehe nach Hause, um etwas zu schlafen. Mach mir ja keine Anstalten hier.“

War´s das?

Ich verlasse das Krankenhaus insgesamt 4,5 Stunden nach der Alarmierung und meinem Unfall. Unvollständig untersucht, unbehandelt und va. unverstanden und mit mehr oder weniger schlimmen Folgen…

Gerade in solchen Momenten kommt unser Unterbewusstsein ganz stark in den Vordergrund. Und ich schien deutlich mehr mit mir machen zu lassen, als ich es wollte. Da dachte ich, ich sei taff und stark. Doch Verdrängen hat nichts mit Stärke zu tun. Starksein bedeutet nicht, in Momenten, in denen es uns wirklich schlecht geht noch zu lächeln und zu sagen „alles gut“. Starksein bedeutet Schwäche und Unvollkommenheit zeigen zu können und gleichzeitig für seine Bedürfnisse respektvoll einzustehen. Dies wurde mir dadurch bewusst.

Wie die Folgen aussahen und das Erlebnis weiter ging, erfährst du in Teil 3.

 

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13 Gedanken zu “Ein Unfall, der meinem Leben eine neue Richtung gab. TEIL 2

  1. Liebe Susanne,
    ich habe gerade voller Spannung und Achtung deine 2 Blogbeiträge gelesen.
    Ich hatte fast das Gefühl, ich wäre mit dabei. Man spürt, wie sich die Erlebniss bei dir in aller Einzelheit ins Gedächtnis eingebrannt haben. Dein Erfahrungen im Krankenhaus sind krass. Zum Glück ging es dir noch „so gut“. Ich fand es auch beeindruckend, wie du gleich dem Fahrer geholfen hast, sich zu beruhigen.
    Ich bin jetzt sehr gespannt auf deinen 3. Beitrag.
    Danke, dass du die Geschichte hier mit uns teilst.

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    1. Lieben Dank für deine Worte und die Umschreibung Bianca. Es ist tatsächlich so, als hätte sich mir das ins Gedächtnis eingebrannt. Ich kann mich an jede Einzelheit erinnern. Nur lasse ich bewusst Namen oder noch weitere Einzelheiten dazu weg. Da hätte ich sonst kein gutes Gefühl dabei. Herzliche Grüße zu dir.

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  2. Liebe Susanne,
    Du sprichst mir aus der Seele und die Essenz Deines Blogs trifft mich in die Mitte. Was das Krankenhaus anbelangt möchte ich keine Namen nennen, aber ich meine zu wissen wo so schludrig gearbeitet – oder besser – nicht gearbeitet wird :-/ ich hab da ja auch so meine Erfahrungen.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht …

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    1. Ganz lieben Dank! Genau deshalb nenne ich auch keine Namen 😉 Ich glaube, es gibt von überall etwas Gutes und Schlechtes zu berichten. So ist es nunmal, es „menschelt“ halt… und dazu gehören auch solche Dinge. Ich mache niemandem mehr einen Vorwurf. Ich habe ja erkannt, dass ich mehr in die Eigenverantwortung gehen kann und künftig meinen Mund aufmache. Oder auch nicht, wenn da wieder das Unterbewusstsein zu Tage kommt – hihi…

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