Wenn ein Leben endet… – meine persönliche Geschichte

Ich stehe in der Küche meiner Mutter und starre aus dem Fenster. Genau genommen drücke ich mich vor einem mir wichtigen Besuch. Mein Cousin ist erst 20 Jahre alt und ihn hat die Krebskrankheit erneut eingeholt. Als ich das letzte Mal bei ihm war, hat er mich verzweifelt um eine Schmerztablette gebeten. Diese Schmerzen, dieses Leid, das Schicksal. Das ist für mich als gerademal 19-Jährige unerträglich. Für mich ist er nicht nur ein Verwandter. Ich liebe diesen Jungen schon seit ich denken kann. Zu meiner Großmutter habe ich mal gesagt „Wenn ich Dominic nicht heiraten darf, dann heirate ich eben niemanden.“ Ich habe keine Ahnung, ob es ihm vielleicht sogar genauso geht. Er hatte meines Wissens nach nie eine Freundin und seit ich mit meinem Partner zusammengekommen bin, haben wir nur noch den üblichen Familienkontakt auf Feiern. Ca. ein Jahr danach ist er das erste Mal krank geworden. Bin ich am Ende „Schuld“ an seiner Krankheit? Weil ich nie den Mut aufgebracht habe, ihm meine Liebe zu gestehen? Mir wurde zugetragen, dass es ihm momentan nicht gut geht. Doch nächste Woche fahre ich in den Urlaub und ich habe diesen enormen Drang in mir… Ich will ihm offen begegnen. Dieses Tabuthema durchbrechen und endlich zu meinen wahren Gefühlen stehen. Egal ob es moralisch in Ordnung ist oder nicht, egal ob ich auf Widerstand durch mir liebe Personen stoße im Familienkreis, der Gesellschaft oder gar auf Ablehnung von ihm selbst. Doch tief in meinem Herzen spüre ich, dass er ähnlich empfindet.

Angst steigt in mir auf. Wie soll ich ihm das nur sagen? Soll ich ihn einfach küssen? Ist das nicht ungerecht gegenüber meinem Partner? Ich bin eine Ja-Sagerin, eine die es allen recht macht und keine Rebellin. Um Zeit zu schinden, helfe ich meiner Mutter noch beim Abwasch. Das mache ich sonst nie. Doch so erhalte ich eine weitere Stunde Bedenkzeit. Was würde ich dafür geben, ihm seine Krankheit, seine Schmerzen abzunehmen. Bin ich bereit, wieder in diese traurig-fahlen Augen zu blicken? Bin ich bereit, mein Innerstes Preis zu geben und womöglich von ihm abgewiesen oder von anderen verachtet zu werden? Mein Herz kennt die Antwort und plädiert mit jeder Faser in mir zur Wahrheit zu stehen.

Ich steige in mein Auto und fahre los. In den 5 Minuten Fahrtzeit ist in meinem Kopf so viel. Mir ist klar, dass ich das einzig Richtige machen werde. Mir ist klar, welche Konsequenzen daraus resultieren können. Mir ist klar, danach wird nichts mehr so sein wie zuvor. Mir ist klar… Ein tiefer Seufzer durchströmt mich. Es überkommt mich ein Schauer von den Beinen an über meine Hüften, mein Bauch fühlt sich warm und kalt zugleich an, ich bekomme Gänsehaut und in meinem Nacken stellen sich die feinen Häarchen auf. Es „britzelt“ über meine Kopfhaut und sticht ganz arg in meinem Herz. Was war denn das? Ich bin so überwältigt, dass ich bremsen und kurz zur Seite fahren muss. Habe ich solche arge Angst davor? Warum ist es so schwer, zu mir und meinen Gefühlen zu stehen? 2 Minuten später stehe ich vor seiner Haustüre. Ich hole noch einmal tief Luft und klingele.

Meine Tante öffnet. Sie starrt mich mit aufgerissenen Augen an. Genau so lange, dass ich ihre Tränen noch bemerke. Sofort senkt sie ihren Kopf und blickt zu Boden. Irgendetwas stimmt hier nicht. Ich gehe einen Schritt auf sie zu:

„Tante?“

„Ich dachte, der Arzt wäre schon hier.“

„Was ist los? Was ist passiert?“

„Dominic…“

„Was ist mit ihm? Tante!?“

„Er ist vor einem Augenblick eingeschlafen.“ „Susanne, er ist eben gestorben.“

Ich schiebe sie zur Seite. Meine Füße rennen automatisch in sein Zimmer. Mein Onkel steht abseits und meine Oma direkt an seinem Bett. Die Tränen von ihr tropfen auf die Bettdecke meines Cousins. Von hinten höre ich meine Tante sprechen: „Der letzte Sinn der abschaltet ist das Gehör.“ Seine linke Hand und meine linke Hand sind vereint. Ich beuge mich über ihn. Herz auf Herz. Meine rechte Hand gleitet zärtlich über seine Wange. Sie fühlt sich bereits jetzt kühl an. Mein Seelenwasser fließt in Bächen aus mir heraus. Sein Gesicht sehe ich nur sehr verschwommen. „Dominic, ich liebe dich. Hörst du? Ich liebe dich!“ Jetzt wo ich stark genug bin ihm das zu sagen verlässt er mich. Warum tut er das nur? Warum ausgerechnet jetzt? Warum nicht erst in 10 Minuten? Warum durfte ich ihm nicht noch einmal in die Augen sehen? Warum habe ich meiner Mutter noch geholfen? Warum habe ich es nicht verdient glücklich zu sein? Warum muss ich diesen Schmerz spüren? Warum muss er so früh sterben? Warum darf er nicht seinen 30. Geburtstag feiern, Kinder bekommen, das Leben genießen? Warum er? Warum nicht ich oder jemand anderer? Warum konnt ich ihn nicht heilen? War er das vorhin im Auto? Hat er mich berührt? Wusste er insgeheim, dass ich ihn liebe? Hat er mich noch gehört? Warum tut er mir das an? Warum habe ich nicht früher den Mut aufgebracht? Warum habe ich ihn nicht öfter besucht und ihn im Stich und alleine gelassen? Warum ist jetzt alles vorbei? Warum kann ich nicht zaubern und ihn wieder zurück holen? Warum hatte er nie den Mut „es“ mir zu sagen? Gibt es das Leben nach dem Tod und werden wir uns irgendwann wieder sehen? Warum habe ich mich überhaupt in ihn verliebt und warum muss ich das jetzt fühlen? Was habe ich schlechtes getan, dass ich so gestraft werde? Kann ich jemals wieder unbeschwert tief durchatmen? Ich will ihn nicht loslassen, ich kann ihn nicht einfach so gehen lassen. Ich möchte ihn schütteln und anbrüllen, dass er mir das nicht antun kann, dass er bei mir bleiben soll. Ich will nicht vergessen, wie er ausgesehen hat. Ich will auf der Stelle auch sterben. Meine Augen fühlen sich an, als würden sie gegeneinander und von innen gewaltsam heraus gedrückt. Meine Zähne beissen sich fest. Meine Nase ist zu und auf meiner Brust liegt ein Zementsack. Ich muss hier raus, ich kann nicht hier bleiben. Ich halte dieses Gefühl nicht aus.

 

Selbst heute, 16 Jahre danach will ich mich in diese Situation gar nicht ganz zurück versetzen. Ich weine, ich zerbreche, ich vermisse…

Das war einer jener Momente, (und ist es immer noch!) an denen ich bewusst meine Emotion versuche zu unterdrücken und im Zaum zu halten. Ich habe große Angst, die Kontrolle zu verlieren und somit mich selbst. Ich will stark sein und Kämpfe dagegen an. Doch desto mehr ich kämpfe, desto mehr erdrückt es mich.

Sein Foto trage ich noch heute in meinem Geldbeutel. Es ist erstaunlich, er altert mit mir darauf parallel mit.

Das habe ich damals in die Ortszeitung inseriert:

2016-04-27 00.29.14.jpg

Freitag, 15.8.2000

Heute habe ich es vollends abgerundet bzw. öffentlich berichtigt. Er war mir kein sehr guter Freund. Er war die Liebe meines Lebens.

 

Lieber Dominic,

das „Warum“ wird mein kleines engstirniges Gehirn nicht in diesem Leben begreifen können. Dein Schicksal ist ein harter Lehrmeister für mich. Manchmal ein zu harter. Doch ich kann aus tiefstem und nun auch reinem Herzen sagen:

Ich liebe dich.

Damals,

jetzt

und bis zu meinem letzten Atemzug.

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11 Gedanken zu “Wenn ein Leben endet… – meine persönliche Geschichte

    1. Traurig ja, doch es wäre schlimm, wenn ich dadurch nichts für heute mitnehmen könnte. Das hat mir ehrlich gesagt über eine wichtige Krisenzeit jetzt geholfen. Ich denke oft: „Was wäre, wenn morgen mein Gegenüber nicht mehr leben würde“ und so mancher Elefant wurde dadurch wieder zur Mücke… 😉

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      1. ja das kenne ich. mein unbewusstes hat da so ein schlaues system entwickelt. wenn sich irgendwas ganz schlimm für mich anfühlt, dann träume ich, dass ich oder jemand der mir nahesteht stirbt. relationen grade gerückt, so schnell kann man gar nicht schauen.

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  1. Hört sich vielleicht komisch an, vielleicht war es Karma, vielleicht ward ihr in einem früheren Leben zusammen, vielleicht war es nicht vorgesehen, dass ihr in diesem Leben wieder zusammkommen solltet …. Wie auch immer, deine Geschichte ist absolut bewegend, dieses Ende tut mir sehr leid für dich…… Bitte Blick nach vorne, sicher möchte er es so haben, und nicht, dass du trauert bis an dein Lebensmüde……. Alles Liebe für dich !!!!!!

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    1. Liebe Monika, du hast so so Recht!
      Ich habe es zwar eben schon 2x gepostet, kann es aber nicht oft genug machen: Das Ereignis hat mir über eine wichtige Krisenzeit jetzt geholfen. Ich denke oft: “Was wäre, wenn morgen mein Gegenüber nicht mehr leben würde” und so mancher Elefant wurde dadurch wieder zur Mücke…😉

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